sincere
Antwerpen spricht flämisch und rockt preziös. Die Geburtstadt von Sincere ist der größte Diamantenhandelsplatz der Welt, und so, wie das Killerboyquartett aufspielt, kann es sich mit all den Klunkern messen: Sincere sind hart, brilliant und betörend. Sie selbst beschreiben sich anders: „Sincere *... bewegen lieber ihren Arsch auf der Bühne als wie Zombies auszusehen *... ließen schon viele Leute nach mehr verlangen *... glauben, sie spielen zu sehen macht mehr Spaß als die langweilige Bio zu lesen (auf die sie einen f**** geben).“ Es gibt trotzdem was zu erzählen.Sänger Robin Fitters und Bassist Tom Goethals suchten drei Jahre lang nach Musikern, die ihre Anschauungen teilten: kraftvoll, energisch, spontan die Musik - tödlich ernst, sexy, aber auch ironisch die Botschaften, so wollten sie sein. Mit Steve Braeckmans (Drums) und Stijn Bombeke (Gitarre) ging dieser Wunsch im Jahr 2000 in Erfüllung.
Längst verflossen sind die Punk- und Emo-Tage der zwei Gründer; doch sie haben Spuren hinterlassen: Halb Sincere lässt die Anfänge von Grunge mit einer guten Portion Glam-Punk erstrahlen. „Killerboys On Acid“, erste Single und Titellied des Horrorthrillers Anatomie 2 ist so ein Song: Eine bissige Gitarrenlinie trifft auf die sexy-larmoyante Stimme des auratischen 50-Kilo-Sängers, die sich unvermittelt in einem hysterischen Schrei an der Schmerzgrenze entlädt.
„Darkside Escort Service“, Titelsong des Albums und vielleicht typischster Sincere-Track, bringt in einer in ihrer Reduziertheit an Kraftwerk erinnernden Hookline den Rock’n’roll auf den Punkt: „You really have a nice little pussy, baby sugar“. Und das ist keine platte Macho-Attitüde. Schon der Blick auf die Physiognomie des Sängers – Robin Fitters wirkt wie ein Zwitter aus Girlie und Alien – versichert: Hier laviert einer zwischen Liebeserklärung, Koketterie und Ironie umher.
„Another Day“ bildet den Gegenpol zu diesen schillernd-schrägen Rocknummern. Nur eine schlichte Piano-Linie begleitet die nachdenklichen Vocals. Ursprünglich als B-Seite geplant und zwischen zwei Studiosessions als Skizze aufgenommen, entwickelte sich der Song als unverzichtbares Tüpfelchen auf dem „i“. Daneben stehen staubtrockener Rock („Hypothermia“), pathetische Balladen („Carrie“), heiterer Alternativ-Pop („Oh My Sweet Something“) und verträumte Elektronikexperimente („Angels“).
Aufgenommen wurde das Album im Sommer 2002 in einem Studio nahe Antwerpen, in dem auch Größen der belgischen Musikszene wie der dEUS-Ableger Zita Swoon und Das Pop regelmäßig arbeiten. Idealer Nährboden für fruchtbare Kooperationen also, aber einen Duettpartner fand Robin wie so oft nicht vor der eigenen Haustür, sondern im 120 Kilometer entfernten Köln, wo zur selben Zeit Christoph von Freydorf, Sänger der deutschen Emil Bulls, im Studio arbeitete. Ihr „Zero“ verschmilzt zwei musikalische Universen – zu androgynem Klagen, eindringlichem Flehen und bestialischem Geschrei.
Für den Mix wurde der zeitweise in Paris lebende amerikanische Produzent Daniel Presley verpflichtet, der schon mit Faith No More, Breeders und Spain arbeitete; und um dem grenzübergreifenden Appeal der Produktion gerecht zu werden, war ein Mastering in den legendären New Yorker Masterdisk-Studios unvermeidlich.
Den ersten, folgenschweren Schritt über die deutsch-belgische Grenze taten Sincere bereits im Sommer 2001: Drei Monate, nachdem sie den wichtigen „Demopoll“ gewonnen hatten, Nachwuchswettbewerb des größten belgischen Radios Studio Brussel, entschieden sie in Brüssel auch die nationale Ausscheidung des Newcomerfestivals „Emergenza“ für sich und spielten daraufhin im August beim Taubertal-Festival gegen rund zwanzig Finalisten aus europaweit über 1800 Teilnehmern. Zwar reichte es im Taubertal „nur“ für den Vizesieg (die Sieger aus Stockholm hatten nach Einschatzung Sinceres eindeutig die besseren Haarschnitte), aber die rotzig-aggressive Bühnenshow und die sonderbare Aura der Belgier hat bewirkt, dass sich innerhalb weniger Monate ein Management fand (Oh My Sweet Entertainment, München), eine Demoproduktion folgte, ein Plattenvertrag geschlossen wurde (Columbia) und zu guter Letzt ein Verlagsvertrag zustande kam (Edition Kicks & Delights bei Warner/Chappell).
Sincere schmissen ihre Jobs (“We’re the kind of guys that skipped school because they said that one day they would be in a rock band anyway“) und gingen nach mehreren, übers Jahr verteilten Shows und nach Abschluss der Aufnahmen im November 2002 auf erste Konzertreise durch Deutschland. ,,Kick High - Best of Emergenza“ hieß die Tour mit insgesamt 15 Auftritten, davon einige in Frankreich, Luxemburg und Italien. Sie gab einen Vorgeschmack auf die kommenden Monate: Sincere sprühen vor Energie, spielen mit Witz, provokanter Attitüde und melancholischer Tiefe. Oder wie Sincere sagen: “If Beyoncé [Destiriy’s Child] and Dave Grohl [Nirvana/Foo Fighters] bred babys they would definitely be Sincere. We’ll suck you in like a first class vacuum cleaner. Four killerboys with killersongs will come to make your boring town a killerplace. Don’t say we didn’t warn you!”
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